Weniger bekannte Psychologie der Conversion: was die Belege tragen und was das deutsche Recht ausschließt

Kurz gesagt

Niveau: Fortgeschritten

  • Weniger bekannt heißt nicht besser belegt. Goal Gradient, Implementation Intentions, Voreinstellungen und sozialer Vergleich sind gut belegt. Identity Framing ist in einer großen Replikation gescheitert.
  • Zeig Fortschritt und Arbeit nur, wenn sie echt sind: Falsche Fortschrittsbalken und erfundene Suchen sind Irreführung nach § 5 UWG.
  • Voreinstellungen sind mächtig und geregelt: keine vorangekreuzte Einwilligung (DSGVO, § 25 TDDDG), keine vorangekreuzten kostenpflichtigen Extras (§ 312a Abs. 3 BGB).
  • Knappheit und Fristen müssen stimmen. Unwahre zeitliche Begrenzungen sind nach Nr. 7 des Anhangs zum UWG stets verboten.
  • Das Widerrufsrecht von 14 Tagen ist Gesetz, kein Vorteil. Biete mehr und sag, was zusätzlich ist.

Jenseits von Knappheit und Social Proof gibt es eine Reihe weniger bekannter Effekte, die Conversion und Kundenbindung wirklich helfen, und eine Reihe von Taktiken unter denselben Namen, die in Deutschland verboten sind. Dieser Artikel führt zwölf davon auf die ursprünglichen Studien zurück, sagt, wie gut jede gehalten hat, rechnet jede an einem erfundenen deutschen Unternehmen durch und markiert die rechtliche Grenze.

Jenseits von Knappheit und Social Proof

Die berühmten Prinzipien der Psychologie bekommen die ganze Aufmerksamkeit: Knappheit, Social Proof, Verlustaversion. Jeder Marketer kennt sie, also nutzt sie auch jeder Mitbewerber. Die Effekte in diesem Artikel sind weniger bekannt. Manche stammen aus Aufsätzen, die es nie in die populären Wirtschaftsbücher geschafft haben. Andere sind in einem Fachgebiet bekannt und werden im Marketing selten genutzt. Ich habe diese Ideen in eCommerce, SaaS und B2B Produkten eingesetzt.

Weniger bekannt heißt nicht besser belegt. Für jeden Effekt unten nenne ich die ursprüngliche Studie, wie gut sie gehalten hat, als andere sie wiederholen wollten, ein durchgerechnetes Beispiel und, wo es darauf ankommt, die Grenze, die das deutsche Recht zieht. Mehrere "Conversion Taktiken", die unter diesen Namen kursieren, etwa falsche Fortschrittsbalken, erfundene Fristen und vorangekreuzte Kästchen, sind in Deutschland schlicht verboten. Sie stehen hier als das, was du nicht tun solltest. Jede Zahl in den Beispielen ist erfunden, damit ich jeden Schritt zeigen kann.

Goal Gradient: kurz vor dem Ziel wird es schneller

Die Goal Gradient Hypothese besagt, dass die Anstrengung steigt, je näher ein Ziel rückt. Ran Kivetz, Oleg Urminsky und Yuhuang Zheng haben sie 2006 an einer echten Stempelkarte eines Cafés getestet. Die Kundschaft kaufte umso häufiger Kaffee, je näher der kostenlose rückte. Und auch die Illusion von Fortschritt wirkte: Wer eine Karte mit 12 Feldern bekam, von denen zwei als "Bonus" schon gestempelt waren, schaffte die nötigen 10 Käufe schneller als jemand mit einer schlichten Karte mit 10 Feldern. Wer stärker beschleunigte, blieb auch eher im Programm.1

Der Befund stammt aus Felddaten mit einem klaren Design, und das macht ihn überzeugender als die meisten.

Beispiel: zwei Karten bei Südvorstadt Kaffee

Südvorstadt Kaffee ist ein erfundenes Café in Leipzig. Karte A hat 10 leere Felder. Karte B hat 12 Felder, zwei davon schon gestempelt. Für den Gratiskaffee braucht es bei beiden 10 bezahlte Kaffees, das Angebot ist also identisch. Am ersten Tag zeigt Karte A 0/10=0 %0 / 10 = 0\,\% Fortschritt und Karte B 2/12=17 %2 / 12 = 17\,\%. Laut Forschung wird Karte B schneller voll.

Um den Gradienten in deinen eigenen Daten zu sehen, schau auf die Abstände zwischen den Käufen. Angenommen, die durchschnittlichen Abstände zwischen den Stempeln eins bis zehn liegen bei 6,0, 6,0, 5,8, 5,6, 5,4, 5,2, 5,0, 4,8 und 4,6 Tagen. Die ersten vier Abstände liegen im Schnitt bei 5,85 Tagen, die letzten vier bei 4,9 Tagen, die Kundschaft kommt kurz vor der Belohnung also 1−4,9/5,85=16 %1 - 4{,}9 / 5{,}85 = 16\,\% früher wieder. Eine flache Linie hieße, dass die Karte niemanden motiviert.

Wo es schiefgeht. Die vorgestempelte Karte ist ehrlich, weil das Angebot wirklich zehn Kaffees lautet. Ein Fortschrittsbalken, der Fortschritt behauptet, den die Kundin nicht gemacht hat, ist etwas anderes: Nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) ist eine geschäftliche Handlung irreführend, wenn sie unwahre oder sonst zur Täuschung geeignete Angaben enthält, etwa über die wesentlichen Merkmale einer Leistung.2

Fresh Start: Timing an zeitlichen Wegmarken

Hengchen Dai, Katherine Milkman und Jason Riis fanden, dass Menschen ihre Ziele nach "zeitlichen Wegmarken" stärker verfolgen: dem Beginn einer Woche, eines Monats, eines Jahres oder eines Semesters, einem Geburtstag, einem Feiertag. Die Google Suchen nach "diet" stiegen zu Beginn einer neuen Woche um 14,4 %, eines neuen Monats um 3,7 % und eines neuen Jahres um 82,1 %. In einem Fitnessstudio einer Universität stieg die Wahrscheinlichkeit eines Besuchs zu Beginn einer Woche um 33,4 %, zu Beginn eines Monats um 14,4 % und zu Beginn eines Semesters um 47,1 %.3

Wie gut es hält. Das sind große Archivdaten, aber Beobachtungsdaten: Sie zeigen, wann Menschen handeln, nicht, dass eine Kampagne, die am Montag rausgeht, besser konvertiert. Den Mechanismus, ein sauberes inneres Blatt, bieten die Autoren selbst als Erklärung an, nicht als Beweis. Die Zahlen handeln von Diäten und Sport, nicht von Käufen. Den "Zuwachs von 20 bis 30 % an den richtigen Tagen", der fürs Marketing oft zitiert wird, tragen sie nicht.

Beispiel: eine Planungsmail am Monatsersten

Termintakt ist eine erfundene Buchungssoftware für Friseursalons aus Köln. Sie möchte, dass Salonbetreiberinnen ihre Verfügbarkeit für den nächsten Monat vorab eintragen. Der Test: Die Hälfte bekommt die Mail "Plan den nächsten Monat" am ersten Werktag des Monats, die andere Hälfte an einem zufälligen Wochentag. Alles andere ist gleich. Gemessen wird der Anteil, der die Verfügbarkeit innerhalb von sieben Tagen einträgt. Gewinnt die Fassung mit der Wegmarke mit einem Abstand, den der Test erkennen kann, behalte sie. Wenn nicht, war die Wegmarke eine Geschichte, kein Hebel.

Identity Framing: umstritten

Christopher Bryan und Kollegen berichteten 2011, dass die Frage "Wie wichtig ist es dir, ein Wähler zu sein" die Wahlbeteiligung stärker hob als die Frage nach dem "Wählen". Die Idee war verlockend: Ein Substantiv ruft eine Identität auf, ein Verb eine Handlung.

Wie gut es hält. Bisher schlecht. In einem großen Feldexperiment fanden Alan Gerber und Kollegen, dass die Formulierung mit dem Substantiv keinen Effekt auf die Wahlbeteiligung hatte und dass beide Fassungen schlechter abschnitten als eine übliche Botschaft zur Wählermobilisierung.4 Die ursprünglichen Autoren hielten dagegen, die Replikation habe den richtigen psychologischen Rahmen nicht nachgebildet. Behandle Identity Framing als Textidee zum Testen, nicht als belegten Effekt.

Ein Beispiel: Termintakt könnte in der Überschrift der Anmeldeseite "Sei der Salon, der nie doppelt bucht" gegen "Schluss mit Doppelbuchungen" testen, gemessen an den Anmeldungen. Das kostet einen Test, und jede Antwort ist nützlich.

Der Fluch des Wissens: warum Fachleute unklare Texte schreiben

Wer etwas weiß, kann sich kaum noch vorstellen, es nicht zu wissen. Die Ökonomen Colin Camerer, George Loewenstein und Martin Weber nannten das 1989 den Fluch des Wissens.5 Die bekannteste Demonstration ist Elizabeth Newtons Klopfstudie in Stanford von 1990: Teilnehmer klopften den Rhythmus bekannter Lieder, und Zuhörer sollten sie erraten. Die Klopfenden sagten eine Trefferquote von 50 % voraus. Die Zuhörer erkannten 3 von 120 Liedern, 2,5 %.6 Die Klopfenden hörten die Melodie im Kopf. Die Zuhörer hörten Klopfen.

Deshalb schreiben Gründer oft Landingpages, denen nur sie selbst folgen können. Eine einfache Prüfung ist der Flesch Reading Ease Wert, den Microsoft Word ausgibt und so definiert:7

FRE=206.835−1.015×WS−84.6×YW\text{FRE} = 206.835 - 1.015 \times \frac{W}{S} - 84.6 \times \frac{Y}{W}

Dabei ist FRE\text{FRE} der Wert (höher ist leichter, und 60 bis 70 passt für die meisten üblichen Dokumente), WW die Zahl der Wörter, SS die Zahl der Sätze und YY die Zahl der Silben. W/SW / S ist also die durchschnittliche Satzlänge und Y/WY / W die durchschnittliche Silbenzahl pro Wort. Beides sind Verhältnisse, erklärt in Grundlagen: Verhältnisse und Raten. Die Formel ist in dieser Form für englische Texte gebaut, deshalb rechnet das Beispiel mit der englischen Startseite eines Shops, der auch nach Großbritannien verkauft.

Beispiel: zwei Fassungen einer Überschrift

Die Fassung des Gründers: "Our omnichannel orchestration layer unifies heterogeneous inventory data." (Unsere Omnichannel Orchestrierungsschicht vereinheitlicht heterogene Bestandsdaten.) Das sind 8 Wörter, ein Satz und rund 26 Silben. Der Wert ist 206,835−1,015×8−84,6×3,25=−76,2206{,}835 - 1{,}015 \times 8 - 84{,}6 \times 3{,}25 = -76{,}2. Unter null.

Die klare Fassung: "See every product's stock in one place, whether it sells online or in the shop." (Sieh den Bestand jedes Produkts an einem Ort, egal ob es online oder im Laden verkauft wird.) Das sind 15 Wörter, ein Satz, 20 Silben. Der Wert ist 206,835−1,015×15−84,6×1,33=78,8206{,}835 - 1{,}015 \times 15 - 84{,}6 \times 1{,}33 = 78{,}8.

Dasselbe Produkt, dasselbe Versprechen. Die zweite Fassung kann jemand lesen, der das Wort Omnichannel nie gehört hat, und das sind die meisten, die es kaufen würden. Ein Wert ist nur eine Prüfung, kein Ziel: Der echte Test ist jemand, der das Produkt nicht kennt.

Implementation Intentions: wann, wo und wie

Eine Implementation Intention ist ein Plan der Form "wenn Situation X eintritt, tue ich Y". Die Metaanalyse von Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran über 94 unabhängige Tests fand einen mittleren bis großen Effekt auf das Erreichen von Zielen, eine standardisierte Differenz von d=0,65d = 0{,}65.8 Das ist eine standardisierte Effektgröße, keine Verdopplung der Umsetzung, was auch immer die populären Zusammenfassungen sagen.

Beispiel: der erste Termin bei Termintakt

Neue Konten bei Termintakt, die in der ersten Woche einen ersten Termin eintragen, bleiben meist. Das Onboarding stellt deshalb eine zusätzliche Frage: "Wann trägst du deine erste Kundin ein? Wähl Tag und Uhrzeit", und schickt genau zu diesem Zeitpunkt eine Erinnerung. Die Kontrollgruppe bekommt den üblichen Knopf "Erste Kundin eintragen". Gemessen wird der Anteil, der innerhalb von sieben Tagen eine Kundin einträgt. So wird aus einer vagen Absicht ein konkreter Plan, und genau das hat die Forschung getestet.

Erst kleine Zusagen: der Fuß in der Tür

In der Studie von Jonathan Freedman und Scott Fraser aus dem Jahr 1966 waren Menschen, die zuerst einer kleinen Bitte zugestimmt hatten, später weit eher bereit, einer großen zuzustimmen. In einer Bedingung stimmten 76,0 % derer, die zuvor eine kleine Bitte zum sicheren Fahren erfüllt hatten, später zu, ein großes Schild "Drive Carefully" in ihren Vorgarten zu stellen, gegenüber 16,7 % derer, denen nur die große Bitte gestellt wurde.9 Als Erklärung wird die Selbstwahrnehmung angeboten: Wer einmal ja gesagt hat, sieht sich als jemand, der die Sache unterstützt.

Die Produktfassung ist eine Leiter der Zusagen: ein kostenloses Werkzeug, dann ein Test, dann ein bezahlter Tarif, jeder Schritt klein im Verhältnis zum vorigen. Ein Beispiel: Termintakt bietet zuerst eine kostenlose öffentliche Buchungsseite an, dann einen 14 Tage Test der Erinnerungen, dann den bezahlten Tarif. Jeder Schritt verlangt ein wenig mehr und gibt etwas Echtes.

Zufriedene Kundschaft um eine Bewertung zu bitten ist auch ein natürlicher kleiner Schritt. Gefälschte Bewertungen zu schreiben oder in Auftrag zu geben ist nach dem Anhang zum UWG stets unzulässig, und wer behauptet, Bewertungen stammten von Menschen, die das Produkt wirklich gekauft oder genutzt haben, muss das mit angemessenen Maßnahmen geprüft haben.10

Zeig die echte Arbeit: Labour Illusion und operative Transparenz

Ryan Buell und Michael Norton fanden in fünf Experimenten, bei Reiseportalen und Onlinedating, dass Menschen eine längere Wartezeit einem sofortigen Ergebnis vorziehen können, wenn eine Website die Mühe zeigt, die sie sich macht, selbst wenn die Ergebnisse identisch sind. Sie nannten das die Labour Illusion.11 Spätere Feld und Laborexperimente von Buell, Kim und Tsay in der Gastronomie fanden: Wenn die Kundschaft die Arbeit sieht und das Personal die Kundschaft, steigt die von der Kundschaft angegebene Qualität um 22,2 %, und die Durchlaufzeiten sinken um 19,2 %.12

Manchmal wird das als "täusch einen Fortschrittsbalken vor" verkauft. Lass es. Eine Fortschrittsmeldung, die Arbeit behauptet, die nicht stattfindet, ist eine unwahre Angabe über die Leistung, und genau dagegen richtet sich das Irreführungsverbot im UWG.2 Zeig die Arbeit, die wirklich passiert, und die Belege sagen, dass es hilft.

Beispiel: ein Geschenkfinder, der zeigt, was er tut

Korbwerk, ein erfundener Onlineshop für Geschenkkörbe in Hamburg, hat einen Geschenkfinder. Er filtert wirklich 140 Körbe nach Budget, Ernährungswünschen und Liefertermin. Statt direkt zu den Ergebnissen zu springen, zeigt er drei kurze, wahre Schritte: "Prüfe 140 Körbe gegen dein Budget von 60 €", "Entferne 23 mit Nüssen", "Behalte 31, die bis Freitag ankommen". Jede Zeile meldet etwas, das der Code tatsächlich getan hat, in ein oder zwei Sekunden. Das ist operative Transparenz. Ein Ladekringel mit "Durchsuche 300 Lieferanten", wenn der Shop ein einziges Lager hat, ist es nicht.

Voreinstellungen: die mächtigste Einstellung und die am strengsten geregelte

Menschen bleiben meist bei dem, was vorausgewählt ist, aus Trägheit und weil eine Voreinstellung wie eine Empfehlung wirkt. Brigitte Madrian und Dennis Shea zeigten das 2001 an der Altersvorsorge: Die Teilnahme an einem 401(k) Plan, einer US Betriebsrente, war bei automatischer Aufnahme deutlich höher, und viele Beschäftigte behielten sowohl den voreingestellten Beitragssatz als auch den voreingestellten Fonds, den vorher kaum jemand gewählt hatte.13

Genau bei Voreinstellungen zieht das deutsche Recht harte Linien:

  • Einwilligung in Werbung oder Datennutzung. Nach der Datenschutz Grundverordnung (DSGVO) ist eine Einwilligung eine eindeutige bestätigende Handlung, und Stillschweigen, bereits angekreuzte Kästchen oder Untätigkeit sollen ausdrücklich keine Einwilligung darstellen.14 Wer Cookies oder ähnliche Technik einsetzt, die nicht unbedingt erforderlich ist, braucht nach § 25 des Telekommunikation Digitale Dienste Datenschutz Gesetzes (TDDDG) dieselbe Einwilligung nach den Regeln der DSGVO.15 Jemand muss aktiv zustimmen.
  • Kostenpflichtige Extras. Eine Zahlung über das Entgelt für die Hauptleistung hinaus kann ein Unternehmer mit Verbrauchern nur ausdrücklich vereinbaren, und im Onlinehandel wird sie nicht Vertragsbestandteil, wenn er sie durch eine Voreinstellung herbeiführt.16

Beispiel: drei Voreinstellungen im Checkout von Korbwerk

  1. Newsletterkästchen, vorangekreuzt. Keine wirksame Einwilligung. Lass es leer und mach stattdessen den Nutzen klar.
  2. Geschenkverpackung für 3 €, vorangekreuzt. Keine ausdrückliche Vereinbarung über die zusätzliche Zahlung, also kann sie auf Grundlage des Häkchens nicht berechnet werden. Biete sie ohne Häkchen an, mit einem Bild.
  3. Standardversand vorausgewählt, mit sichtbarem Preis. In Ordnung. Eine vernünftige Voreinstellung, die die Kundin sieht und ändern kann, und sie passt für die meisten.

Die Regel, die ich nutze: Eine Voreinstellung sollte die Wahl sein, die die meisten informierten Kundinnen selbst treffen würden. Funktioniert sie nur, weil es niemand bemerkt, ist es die falsche Voreinstellung.

Statusstufen: wie du ein Treueprogramm aufbaust

Xavier Drèze und Joseph Nunes untersuchten, wie der Aufbau von Treuestufen das Statusgefühl beeinflusst. Wird die oberste Stufe größer, verwässert das den Status, den ihre Mitglieder empfinden. Kommt eine Stufe darunter hinzu, steigt ihr Status. Wer sich nicht für Status qualifiziert, bevorzugt Programme mit mehreren Stufen, und Bezeichnungen wie Gold und Silber allein signalisieren schon eine selektive Hierarchie.17

Beispiel: ein Korbclub mit zwei Stufen

Korbwerk hat 20.000 Kunden. Eine einzige "VIP" Stufe für die besten 20 % (4.000 Personen) würde sich für ihre Mitglieder gewöhnlich anfühlen. Der Forschung folgend macht Lena stattdessen Gold zu den besten 5 % (1.000 Kunden) und fügt Silber für die nächsten 15 % hinzu (3.000). Die Goldmitglieder fühlen sich exklusiver, weil es Silber unter ihnen gibt, und die 3.000 Silbermitglieder haben einen sichtbaren nächsten Schritt. Die Belohnungen selbst können bescheiden sein, früher Zugang zum Weihnachtssortiment, eine Karte gratis zu jeder Bestellung, weil der Aufbau einen Teil der Motivation trägt.

Sozialer Vergleich: zeig, was die anderen tun

Hunt Allcott hat die Energieberichte von Opower ausgewertet, die den Stromverbrauch eines Haushalts mit dem der Nachbarn vergleichen. In randomisierten Experimenten mit 600.000 Haushalten senkten die Berichte den Verbrauch im Schnitt um 2,0 %, ein Effekt, der einer kurzfristigen Strompreiserhöhung um 11 bis 20 % entspricht. Die stärksten Verbraucher sparten am meisten: Das oberste Zehntel senkte den Verbrauch um 6,3 %.18 Achte darauf, womit da verglichen wird: mit einer Preiserhöhung, nicht mit einem finanziellen Appell in einem Brief.

Beispiel: Erinnerungen bei Termintakt

Termintakt sieht, dass Salons, die SMS Erinnerungen schicken, weniger nicht erschienene Kundschaft haben. Der monatliche Bericht an jeden Salon bekommt eine Zeile dazu: "Salons deiner Größe schicken Erinnerungen für 9 von 10 Buchungen. Du schickst sie für 4 von 10." Das ist eine deskriptive Norm, wahr und konkret, über etwas, das der Salon selbst in der Hand hat. Wie bei den Opower Daten ist die größte Veränderung bei den Salons zu erwarten, die am weitesten von der Norm entfernt sind, und gemessen wird gegen eine Gruppe, die den Bericht ohne diese Zeile bekommt.

Knappheit und Exklusivität: nur wenn sie stimmen

Eine Warteliste, eine Einladung, ein Mitgliederbereich oder ein Stichtag können etwas begehrter machen. Ehrlich eingesetzt ist das in Ordnung. Die rechtliche Grenze zählt hier mehr als irgendwo sonst, weil hier der meiste Ärger beginnt. Die Psychologie selbst erkläre ich in Scarcity, Urgency und Verlustaversion.

Nach dem Anhang zum UWG ist die unwahre Angabe, bestimmte Waren oder Dienstleistungen seien allgemein oder zu bestimmten Bedingungen nur für einen sehr begrenzten Zeitraum verfügbar, um eine sofortige Entscheidung herbeizuführen, gegenüber Verbrauchern stets unzulässig.19 Die Leitlinien der Europäischen Kommission nennen als Beispiele ausdrücklich gefälschte Timer und Angaben über begrenzte Lagerbestände auf Websites.20 Endet das Angebot wirklich, ist der Countdown eine wahre Angabe. Springt er nach Ablauf einfach wieder an, ist er es nicht. Falsche Angaben zum Bestand ("nur noch 2 da", wenn es 200 sind) sind außerdem eine Irreführung über die Verfügbarkeit nach § 5 UWG.2

Ein Beispiel: Das Firmenkundenprogramm von Korbwerk nimmt jeden Herbst wirklich nur 30 neue Geschäftskonten auf, weil das Packteam nicht mehr schafft. Das zu sagen ist wahr und nützlich. Es im Februar einem Konto zu sagen, das sich an jedem Tag im Jahr anmelden könnte, ist es nicht.

Risikoumkehr: Garantien und Rücksendungen

Eine großzügige Rückgaberegel verlagert das Risiko eines Kaufs von der Käuferin auf den Verkäufer. Die Metaanalyse von Narayan Janakiraman, Holly Syrdal und Ryan Freling über 21 Aufsätze fand, dass Großzügigkeit insgesamt die Käufe stärker hebt als die Rücksendungen. Großzügige Bedingungen bei Geld und Aufwand (volle Erstattung, kein Ärger) steigern die Käufe, großzügige Bedingungen beim Umfang steigern die Rücksendungen, und längere Fristen senken sie sogar.21

In Deutschland gibt es dabei einen Haken. Wer online kauft, hat bei Fernabsatzverträgen ohnehin ein gesetzliches Widerrufsrecht.22 Die Frist beträgt 14 Tage23 und beginnt bei Waren in der Regel erst, wenn die Kundin sie erhalten hat.24 Gesetzlich bestehende Rechte als Besonderheit des eigenen Angebots darzustellen ist nach dem Anhang zum UWG stets unzulässig.25 "14 Tage Geld zurück Garantie" auf einer Website ist also keine Garantie, sondern das Gesetz, und sie als Vorteil zu verkaufen ist unzulässig. Geh darüber hinaus und sag klar, was zusätzlich ist.

Beispiel: ein Rückgabefenster von 30 Tagen

Wohnkontor ist ein erfundener Shop für Wohnaccessoires in München. Er verkauft 1.000 Bestellungen im Monat zu durchschnittlich 68 €, und 4 % gehen zurück. Der Nettoumsatz ist 1.000×68×(1−0,04)=65.2801.000 \times 68 \times (1 - 0{,}04) = 65.280 €. Wohnkontor testet ein Rückgabefenster von 30 Tagen mit kostenloser Rücksendung, beschrieben als "30 Tage Rückgabe, zusätzlich zu deinem gesetzlichen Widerrufsrecht". Angenommen, die Bestellungen steigen um 3 % auf 1.030, und die Rücksendungen steigen auf 5 %. Der Nettoumsatz wird zu 1.030×68×0,95=66.5381.030 \times 68 \times 0{,}95 = 66.538 €, ein Plus von 1.258 € im Monat, vor den Kosten für das zusätzliche Rückporto. Diese letzte Zeile entscheidet, also nimm sie in die Rechnung auf, bevor du ausrollst.

Eine ehrliche Bestandsaufnahme

Hier steht die ganze Liste an einem Ort, mit dem Gewicht, das jeder Effekt verdient, und der Stelle, an der die rechtliche Grenze liegt.

EffektBelegeRechtliche Grenze in Deutschland
Goal GradientFeldexperiment, überzeugendFortschritt muss echt sein
Fresh StartGroße Beobachtungsdaten, keine KäufeKeine spezielle
Identity FramingUmstritten, in großer Replikation gescheitertKeine spezielle
Fluch des WissensKlassische DemonstrationenKeine spezielle
Implementation IntentionsMetaanalyse, mittlerer bis großer EffektKeine spezielle
Fuß in der TürKlassisches ExperimentBewertungen müssen echt und geprüft sein
Labour IllusionMehrere ExperimenteNur Arbeit zeigen, die stattfindet
VoreinstellungenStarke FelddatenKeine vorangekreuzte Einwilligung, keine vorangekreuzten Extras
StatusstufenExperimente zum AufbauKeine spezielle
Sozialer VergleichGroße randomisierte StudienVergleiche müssen stimmen
Knappheit und ExklusivitätSiehe den Artikel zu ScarcityUnwahre Fristen stets verboten
RisikoumkehrMetaanalyseGesetzliche Rechte sind kein Vorteil

Für jeden Effekt, den du ausprobieren willst, schreib vorher die Kennzahl auf, die Größe der Veränderung, die eine Entscheidung wert ist, und die Stichprobe, die du brauchst, und lass ihn dann gegen eine Kontrollgruppe laufen. Wie das geht, steht im kompletten Leitfaden zu Testmethoden.

Das Playbook ist das Testen

Diese Effekte sind weniger bekannt als Knappheit und Social Proof, und manche davon sind wirklich nützlich. Die meisten populären Fassungen übertreiben sie, und ein paar der populären Taktiken sind heute verboten. Die Arbeit besteht nicht darin, Taktiken zu sammeln. Sie besteht darin, die wenigen auszuwählen, die zu deiner Kundschaft passen, sie ehrlich umzusetzen und zu messen, ob sie etwas bewirkt haben. Das unterscheidet Wachstum von einem Haufen zufälliger Experimente.

Footnotes

  1. Ran Kivetz, Oleg Urminsky und Yuhuang Zheng, The goal gradient hypothesis resurrected: purchase acceleration, illusionary goal progress, and customer retention, Journal of Marketing Research 43, Seiten 39 bis 58, 2006, https://business.columbia.edu/sites/default/files-efs/pubfiles/1200/goalgradient.pdf

  2. Bundesministerium der Justiz, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), § 5 Irreführende geschäftliche Handlungen, Absätze 1 und 2 Nr. 1, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/uwg_2004/__5.html

  3. Hengchen Dai, Katherine L. Milkman und Jason Riis, The fresh start effect: temporal landmarks motivate aspirational behaviour, Management Science 60(10), Seiten 2563 bis 2582, 2014, https://faculty.wharton.upenn.edu/wp-content/uploads/2014/06/Dai_Fresh_Start_2014_Mgmt_Sci.pdf

  4. Alan S. Gerber, Gregory A. Huber, Daniel R. Biggers und David J. Hendry, A field experiment shows that subtle linguistic cues might not affect voter behaviour, PNAS, 2016, Yale Institution for Social and Policy Studies, https://isps.yale.edu/research/publications/isps16-06

  5. Colin Camerer, George Loewenstein und Martin Weber, The curse of knowledge in economic settings: an experimental analysis, Journal of Political Economy 97(5), Seiten 1232 bis 1254, 1989, https://econpapers.repec.org/article/ucpjpolec/v_3a97_3ay_3a1989_3ai_3a5_3ap_3a1232-54.htm

  6. Chip Heath und Dan Heath, The curse of knowledge, Harvard Business Review, Dezember 2006 (zu Elizabeth Newtons Studie von 1990), https://hbr.org/2006/12/the-curse-of-knowledge

  7. Microsoft Support, Get your document's readability and level statistics (Flesch Reading Ease Test), https://support.microsoft.com/en-us/office/get-your-document-s-readability-and-level-statistics-85b4969e-e80a-4777-8dd3-f7fc3c8b3fd2

  8. Peter M. Gollwitzer und Paschal Sheeran, Implementation intentions and goal achievement: a meta analysis of effects and processes, Advances in Experimental Social Psychology 38, Seiten 69 bis 119, 2006, Repositorium der Universität Konstanz, https://kops.uni-konstanz.de/entities/publication/2e749bfb-8533-437c-8203-7e788c910c5f

  9. Jonathan L. Freedman und Scott C. Fraser, Compliance without pressure: the foot in the door technique, Journal of Personality and Social Psychology 4(2), Seiten 195 bis 202, 1966, Tabelle 2, https://web.mit.edu/curhan/www/docs/Articles/15341_Readings/Influence_Compliance/Freedman_Fraser_Foot-in-the-door.pdf

  10. Bundesministerium der Justiz, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), Anhang (zu § 3 Absatz 3), Nr. 23b und 23c, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/uwg_2004/anhang.html

  11. Ryan W. Buell und Michael I. Norton, The labor illusion: how operational transparency increases perceived value, Management Science 57(9), Seiten 1564 bis 1579, 2011, https://econpapers.repec.org/RePEc:inm:ormnsc:v:57:y:2011:i:9:p:1564-1579

  12. Ryan W. Buell, Tami Kim und Chia Jung Tsay, Creating reciprocal value through operational transparency, Management Science 63(6), Seiten 1673 bis 1695, 2017, https://econpapers.repec.org/RePEc:inm:ormnsc:v:63:y:2017:i:6:p:1673-1695

  13. Brigitte C. Madrian und Dennis F. Shea, The power of suggestion: inertia in 401(k) participation and savings behaviour, Quarterly Journal of Economics 116(4), Seiten 1149 bis 1187, 2001, https://econpapers.repec.org/RePEc:oup:qjecon:v:116:y:2001:i:4:p:1149-1187

  14. Europäisches Parlament und Rat, Verordnung (EU) 2016/679 (Datenschutz Grundverordnung), Erwägungsgrund 32 und Artikel 7, EUR Lex, 2016, https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32016R0679

  15. Bundesministerium der Justiz, Telekommunikation Digitale Dienste Datenschutz Gesetz (TDDDG), § 25 Schutz der Privatsphäre bei Endeinrichtungen, Absätze 1 und 2, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/ttdsg/__25.html

  16. Bundesministerium der Justiz, Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 312a Allgemeine Pflichten und Grundsätze bei Verbraucherverträgen, Grenzen der Vereinbarung von Entgelten, Absatz 3, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__312a.html

  17. Xavier Drèze und Joseph C. Nunes, Feeling superior: the impact of loyalty programme structure on consumers' perceptions of status, Journal of Consumer Research 35(6), Seiten 890 bis 905, 2009, https://econpapers.repec.org/RePEc:oup:jconrs:v:35:y:2009:i:6:p:890-905

  18. Hunt Allcott, Social norms and energy conservation, Journal of Public Economics 95(9), Seiten 1082 bis 1095, 2011, https://econpapers.repec.org/article/eeepubeco/v_3a95_3ay_3a2011_3ai_3a9_3ap_3a1082-1095.htm

  19. Bundesministerium der Justiz, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), Anhang (zu § 3 Absatz 3), Nr. 7, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/uwg_2004/anhang.html

  20. Europäische Kommission, Leitlinien zur Auslegung und Anwendung der Richtlinie 2005/29/EG über unlautere Geschäftspraktiken (2021/C 526/01), Abschnitt 4.2.7 Datengesteuerte Verfahren und Dark Patterns, Amtsblatt der Europäischen Union C 526, 29. Dezember 2021, EUR Lex, https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52021XC1229%2805%29

  21. Narayan Janakiraman, Holly A. Syrdal und Ryan Freling, The effect of return policy leniency on consumer purchase and return decisions: a meta analytic review, Journal of Retailing 92(2), Seiten 226 bis 235, 2016, https://econpapers.repec.org/RePEc:eee:jouret:v:92:y:2016:i:2:p:226-235

  22. Bundesministerium der Justiz, Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 312g Widerrufsrecht, Absatz 1, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__312g.html

  23. Bundesministerium der Justiz, Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 355 Widerrufsrecht bei Verbraucherverträgen, Absatz 2, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__355.html

  24. Bundesministerium der Justiz, Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 356 Widerrufsrecht bei außerhalb von Geschäftsräumen geschlossenen Verträgen und Fernabsatzverträgen, Absatz 2 Nr. 1, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__356.html

  25. Bundesministerium der Justiz, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), Anhang (zu § 3 Absatz 3), Nr. 10, Gesetze im Internet, 2026, https://www.gesetze-im-internet.de/uwg_2004/anhang.html

Wenn du wissen willst, welche davon deine Kundschaft wirklich bewegen und welche dich auf die falsche Seite des Gesetzes bringen würden, bring dein Produkt in den kostenlosen Workshop mit, und wir suchen gemeinsam die ersten zwei zum Testen aus. Die ersten zwei Wochen Arbeit gehen auf meine Rechnung.